Lieber Matthias, wir sitzen hier in deinem Atelier, um uns herum deine wohl aktu­el­leren Arbeiten, die mich auch gleich zu meinen Einstieg in unser Gespräch führen. Erste Frage also : Was beschäf­tigt dich gerade bei deinen neuen Bildern ?
Liebe Karin. Gerne würde ich jetzt umweglos auf deine schöne und klare Frage antworten. Aber ich möchte doch voran­stellen, daß die Bilder, die du hier siehst, immer auch Teile einer mitt­ler­weile langen Wegstrecke sind, sie also zumin­dest von mir nicht isoliert von all den vorher­ge­henden betrachtet werden können. Zwar erwarte ich von ihnen, daß sie auch einzeln und kontextlos bestehen, doch ist das ja eine quali­ta­tive Frage. Was ich meine, ist, daß sie nicht mit gänz­lich neuer Erkenntnis und Heran­ge­hens­weise erstellt worden sind, oder viel­mehr erstellt werden. Und so sind es die kleinen Verän­de­rungen, welche meine Arbeit hoffent­lich voran­schreiten lässt., eher schne­ckig und beständig.
Also, kurze Rede, langer Sinn, diese Serie von Mono­ty­pien kommt meinem grund­sätz­li­chem Inter­esse entgegen, dem Zufall immer weniger im Weg zu stehen. Ich hatte fest­zu­stellen, daß mein Wollen, also das Beharren auf ein vorge­dachtes Ergebnis, die Bilder kalku­liert, absehbar und auch lang­weilig werden lässt. Je mehr ich mich in der Beginn­phase mit Wünschen und Forde­rungen zurück­halte, desto reich­hal­tiger, desto über­ra­schender und span­nender das Erzeugnis.
Aber dann könn­test du dir ja auch eine Maul­wurfs­maske aufsetzen und losmalen, egal welche Form und Farbe. Matthias, die Drucke, wie ich jetzt verstanden habe, machen einen anderen Eindruck, als es deine Beschrei­bung behauptet.
Gegen­frage : Welchen Eindruck machen sie denn ?
Um im Gesprächs­kon­text zu bleiben, sie wirken trotz einer gesti­schen Grund­hal­tung und einer bei jedem Blatt neu verhan­delt schei­nender Frei­heit, kontrol­liert und über­legt.
Bevor du mir aller­dings darauf antwor­test, wäre es schön, du erläu­ter­test kurz, was wir hier über­haupt sehen.
Zumin­dest den formalen Rahmen. Ausge­hend von einer Ausstel­lung hier in Wuppertal (Degas/​​Rodin, 2017, Museum Von der Heydt), habe ich mich nach langer Zeit mal wieder mit Degas beschäf­tigt. Halt wie ich ihn so heute einschätze. Schließ­lich kam ich auf seine Mono­ty­pien, die mich nun ebenso beein­druckten, wie sie es vor 25 Jahren in der Lage waren zu tun. Aller­dings diesmal wollte ich die Beein­druckung in meine eigene Arbeit einfließen lassen. Schließ­lich hatte ich die Serie mit den „Fort­be­we­gungs­mit­teln“ abge­schlossen, es sollte was Neues daher, ein wenig lustlos war ich auch.. Und da kam mir das super zupass, daß der Degas meinen Weg mal wieder kreuzte. Nun gut, eine Mono­typie ist eine Art Abklatsch­druck. Ich streiche Ölfarbe auf ein Glas, lege ein Blatt Papier darauf und drücke dieses mit unter­schied­li­chen Werk­zeugen und Fingern in den nassen Grund. Was hängen bleibt, ist Bild.
Das hört sich schon sehr nach Zufalls­ent­ste­hungen an. Ich sehe aber ein immer wieder vari­iertes Motiv sehr deut­lich ; nämlich das der Wind­mühle. In der Grund­form gibt’s die immer gleich zu sehen. Das wider­spricht doch deiner Beschrei­bung ?
Mir sind formale Grund­ver­bind­lich­keiten inner­halb der einzelnen Serien schon wichtig. Sonst wärs ja irgendwie auch keine Serie. In dem Fall ist es das Motiv der Wind­mühle.
Diese Drucke bestehen aus mehreren „Abklat­schen“, wobei ich unge­wollte Über­la­ge­rungen zu vermeiden suche, indem ich mir halt merke, oder auf dem Glas vermerke, wo was hin soll, bezie­hungs­weise wo ich etwas bestehen lassen möchte. Und somit lenke ich natür­lich das Bild. Nur ob mich mein Lenk­ver­halten in eine gewollte Rich­tung bringt, weiß ich in dem Augen­blick noch nicht.
Wenn ich das richtig verstehe, dann ist es für dich inter­es­sant, daß du nicht direkt siehst, was sich auf der künf­tigen Vorder­seite deines Bildes abspielt, während du es bear­bei­test ?
Diese zeit­liche Verzö­ge­rung, während ich beispiels­weise die Konturen der Wind­mühle mit der Häkel­nadel meiner Mutter einzeichne, und ich nur erahne was ich sehen werde, schiebt die künst­le­ri­sche Verant­wor­tung nach hinten und Dinge bekommen eine Chance, die ich viel­leicht in einem direkt sicht­baren Malpro­zess nie zulassen würde. So provo­ziere ich etwas, was hoffent­lich größer ist als mein bishe­riges Grund­ver­mögen.
Das klingt ja gera­dezu bescheiden…
Ist reine Stra­tegie. Das gute Ziel bestä­tigt den Weg ! Aber wie wir ja wissen, ist alles immer etwas kompli­zierter, als man fürderhin meint. Am Beginn eines solchen Vorha­bens steht ja eine aufge­regte Erwar­tungs­hal­tung, die aller­dings häufig, und wohl zu recht, zu einer mitt­ler­weile erwar­teten Enttäu­schung führt. Alles ist erst mal inter­es­sant ; wie die Farb­kon­sis­tenz den Druck beein­flusst, wie Drucke eher zeich­ne­ri­scher oder male­ri­scher Natur entstehen und so weiter. Eine sehr ange­nehme Situa­tion der Bild­her­stel­lung ist das. Noch kann man alles annehmen, was wie zuge­flogen daher­kommt. Aber man findet sich doch recht schnell zwischen den ewig bekannten Quali­täts­eck­pfei­lern seines Selbst wieder. Das ist dann der harte Boden der Tatsa­chen. Und aus Erfah­rung weiß man, so einfach kommt man nicht zum guten Bild.
Eine kriti­sche Über­prü­fung und eine entspre­chende Korrektur kann ich mir also natür­lich nicht ersparen, das stän­diges Wech­sel­spiel aus Provo­ka­tion und Filte­rung beginnt ledig­lich später. Aber der Vorteil bei dieser Heraus­for­de­rung des Zufalls ist der, daß ich die Routinen, diese Wieder­ho­le­reien, die also unan­ge­nehmen Seiten des Hand­werk­li­chen umgehe, ich also nicht immer die gleiche Suppe aufwärme. Das Künst­le­ri­sche, das schöne Unbe­kannte, welches ich mir viel­leicht ein wenig unred­lich erar­beitet haben mag, kann ich im nächsten Schritt mein eigen nennen, es als mir zuge­hörig betrachten. Mich inter­es­siert nicht das Bekannte, sondern das Unbe­kannte.
Unred­lich.. jetzt wird’s aber kokett.
Stimmt, strei­chen wir das.
Also wird das Unbe­kannte von dir schließ­lich einge­meindet und bekannter Teil deines Künst­ler­selbst !
Gut zusam­men­ge­fasst.
Und dieses Künst­ler­selbst erwartet von dir immer wieder, daß du es erwei­terst. Ist da eine immer wieder zu aktua­li­sie­rende Selbst­be­stä­ti­gung die Antriebs­feder ? Und/​​oder ist es eher die Neugier, was du noch an Neuem in die Welt bringen kannst ? Und folgend die Frage, wird man sich und seiner Arbeit nicht über­drüssig, gerade wenn man sozu­sagen unab­lässig auf sich selbst ange­wiesen ist und sich ständig zu hinter­fragen hat ? Geht man sich da nicht auch mal tierisch auf den Nerv ?
So viele Fragen jetzt. Die Letzte kann ich noch beant­worten. Auf den Nerv geht mir eben, wenn ich mich immer um mich selbst drehe. Daher ja die ganze Akzen­tu­ie­rung auf das Neue, auf die Möglich­keiten, von denen ich eben nichts weiß, noch nichts weiß. Und daher die Neugier. Auch kann ich mir ein Leben ohne irgend­eine Produk­tion schwer für mich vorstellen. Auch wenn der Sinn, vom Lebens­ende her betrachtet, eher frag­würdig ist. Mir fehlt da die buddhis­ti­sche Einsicht.
Und ja, ich kann mich eben sehr freuen, wenn mir was gelungen ist. Klar, das ist Selbst­be­stä­ti­gung. In bisher allen Fragen also Ja, Ja und wieder Ja. Und über­drüssig und lästig bin ich mir häufig oder manchmal auch. Also nochmal vermu­test du richtig.
Denn mir fliegt das akzep­table Bild nicht so zu. Ich muss natür­lich dafür arbeiten. Wobei, und da kommen wir zum nächsten Antrieb, das ja eben auch eine sehr schöne Arbeit sein kann. Gerade eben am Anfang und am Ende, wo jeweils alles im Fluss ist, wo ich mich wie ein selbst­be­stimmter Mensch fühle. Ich kann machen was ich will, doch was will ich ? In erster Linie will ich eben nun mal das schöne Bild, schöner als daß es die Voraus­set­zungen des Herstel­lers eigent­lich zulassen. Und auch dieser Ansporn ist reiz­voll, macht mehr als Spaß, hat mit Lust an der Reibung zu tun. Und dann will ich dabei manchmal und häufig Musik hören, 2 Knop­pers essen viel­leicht. Eben­diese Lust und Laune-​​Situationen sind unver­gleich­lich.
Du sprichst von Selbst­be­stimmt­heit. Bist du das nicht immer, so vor der Lein­wand ? Ich male ja selber nicht, meine Vorstel­lung ist die, daß man keine Kompro­misse eingehen muß, die einen im normalen Leben ständig einschränken.
So und so. Also, die künst­le­ri­sche Äuße­rung ist zwar Teil der mensch­li­chen Kultur, gilt gemeinhin ja sogar als krönendes Beweis­mittel gesell­schaft­li­cher Errun­gen­schaft, aller­dings hat das künst­le­ri­sche Tun eine zutiefst unzi­vi­li­sa­to­ri­sche, also rück­sichts­freie und anar­chi­sche Basis. Man könnte das auch Frei­heit nennen. Soweit stimmt das Klischee. Doch was fängt man mit ihr an ? Was will man über­haupt ? Und um dem näher zu kommen ist die Frage „ Was will man nicht?“ erstmal einfa­cher zu beant­worten.
Zum Beispiel des Abkup­ferns zurecht beschul­digt werden.
Natür­lich hat man Dinge im Kopf, die andere Menschen vor kurzer oder langer Zeit gemacht haben und die man gut oder toll findet. Aber der Anspruch auf Allein­stel­lungs­merk­male warnt schnell. Trotzdem schlei­chen sich immer wieder, durch welche geheime Türe auch immer, klei­nere oder größere Vorbild­an­teile in das eigene Bild. Sicher gibt es Künstler, die offensiv damit umgehen, bisweilen das auch zu ihrem Programm machen, ich hingegen hab dahin­ge­hend keine Ambi­tion. Aus dieser Haltung entsteht zum Beispiel eine der Einschrän­kungen jener vorhin ausge­ru­fenen Frei­heit vor dem Bild­grund.
Ein weiterer Punkt, den es zu vermeiden gilt, viel­mehr ich vermeiden möchte, ist Anachro­nismus.
Das mutet erst mal selbst­ver­ständ­lich an, doch ist es wohl eher eine selbst­ver­ständ­liche Über­ein­kunft. Es gibt ja ansich so viele schöne Dinge, die man sich somit auto­ma­tis­tisch verbietet ; und ich auch. Jeden­falls bin ich Teil der meinen Zeit und muss mich mit den entspre­chenden Gepflo­gen­heiten ausein­an­der­setzen, wobei auch hier es Zeit­ge­nossen gibt, welche gerne mit Stilen unter­schied­lichster Jahr­hun­derte spielen. Mir ist es ein Graus. In der Rezen­sion solch klas­sisch orien­tierter Malerei, die meist einen augen­zwin­kernden Hinweis auf die tatsäch­liche Entste­hungs­zeit enthält, wird solches gerne als „altmeis­ter­lich“ bezeichnet. „ Aber malen kann er, das muß man ihm lassen“. Und da sag ich, kanner eben nicht. Jeden­falls möchte ich nix damit zu tun haben.
Aus Frei­heit wird so langsam aber sicher Engheit. Ich habe den Eindruck, als erwarten mich noch weitere Einschrän­kungen.
Tatsäch­lich sitzt der Vogel schon in einer großen Voliere. Und ergän­zend zum Anachro­nismus möchte ich noch grund­sätz­lich den Aspekt Stil hinzu­fügen. Es geht um die Art der Malerei, bzw. der künst­le­ri­schen Äuße­rung. Gerne begreift man scheinhin den Künstler als verwachsen mit seiner Art der Heran­ge­hens­weise. Aber der Stil fällt dem Künstler nicht vom Himmel vor seine Füße.
Der Stil ist also auch ein Teil der Frei­heits­be­rau­bung ? Ist es nicht das ausge­suchte Mittel für die künst­le­ri­sche Selbst­ver­wirk­li­chung, wie man gerne sagt ?
Ich behaupte mal verall­ge­mei­nernd, daß das meis­tens wohl mehr mit den Vorlieben der Personen zu tun hat, die einen künst­le­risch prägen oder geprägt haben ; manchmal auch in einem anti­po­di­schen Sinn. Natür­lich gibt es die Talente, die aus kunst­fernen Lebens­welten und auf der Suche nach indif­fe­rent anderer Erfül­lung, in der Akademie oder direkt auf dem Kunst­markt landen, doch wird dieser fast roman­ti­sche Weg, gerade in den Zeiten der Stre­etart, die seltene Ausnahme sein. Bei mir beispiels­weise war es mein 11 Jahre älterer Bruder, an der Werk­kunst­schule hier in Wuppertal lernend, der mich mit 9 Jahren ins Von der Heydt Museum geschleppt hat. Und ich hab erstmal gar nichts kapiert. Ich gab zwar vor, daß es mich inter­es­sierte, doch habe ich mich gelang­weilt. Erst nach vielen Jahren der Ausein­an­der­set­zung, immer wieder ange­facht durch eben meinen Bruder, ging mir ein kleines Licht auf. Mitt­ler­weile studierte der in Stutt­gart und meine Besuche dort, also auch an der Akademie, ließen mir langsam klarer werden, was die dort alle so machen, oder eher probieren. Natür­lich war es auch der so offen zur Schau getra­gene Lebens­stil, der die Frage zum künf­tigen Malstil erstmal etwas in den Hinter­grund drängte. Mein äußerst einge­schränkter Blick auf die Szene zeigte mir an, hier geht’s ab mit Abstrak­tion. Ich sah Bilder, die nicht als Lebens­ab­bild gemalt zu sein schienen.
Das geht ja schon sehr in den auto­bio­gra­fi­schen Anteil unseres, zuge­geben immer mono­lo­gi­scher werdenden Gesprächs hinein. Daher möchte ich dich um der Strin­genz willen bitten, oder für dich, besser „auffor­dern“, den Aspekt der Selbst­be­stim­mung nicht aus den Augen zu verlieren.
Ja Karin, ich bemühe mich ja. Hölzken auf Stöcksken.
Aber der letzte Aspekt, daß die Formu­lierart einem nicht bei der Geburt zuge­ordnet wird, sondern man sich diese durch Zufall und Mode instal­liert, ist schon dazu gehörig. So war es bei mir und ich will Beweise, wenn diese Erfah­rung nicht verall­ge­mei­ne­rungs­fähig wäre. Über die Aneig­nung eines Stils hat der künf­tige Künstler sich in ein Nest gesetzt, von wo aus man sich zunächst mal orien­tieren kann. Da mögen schon mal herr­liche Plagiate entstehen. Im besten Fall kann man sich möglichst bald eman­zi­pieren, man findet zu etwas Eigenem, macht einen eigenen Stil auf. Eigent­lich aber handelt es sich zumeist um eine Vari­ante, eine persön­liche Ergän­zung der bekannten Kunst­welten. Große Sprünge sind große Ausnahmen.
Der Stil, die Fest­le­gung des Hand­lungs­raumes ist also eine Grund­vor­aus­set­zung, die einem vor dem Bild das Machen erst ermög­licht.
Ich jeden­falls habe mich erstmal mit sehr sensibel ausge­führter Abstrak­tion versucht. Als ich mich sozu­sagen als sehr gut darin befand, kam es zu einer ersten Irri­ta­tion. Nämlich kamen die „Jungen Wilden“. Ich wusste nicht was jetzt zu tun sei und mein fragender Blick in die Runde stieß erstmal auf keine Antworten. Diese Vorbe­halt­lich­keit kann ich jetzt natür­lich gut verstehen, schließ­lich gab es auch viel zu bemä­keln. Doch stellte ich mit gewisser Verzö­ge­rung fest, daß die Prot­ago­nisten meines kleinen Ausschnitts der Kunst­welt, mehr und mehr Vehe­menz in ihre Kunst einfließen ließen. Der Bezug auf Reali­täten des Lebens, Körper, Formen, wurden mit dem Willen der Betrach­ter­er­kenn­bar­keit in Szene gesetzt. Gerade Elisa­beth Minke möchte ich erwähnen, die vom Farb­auf­trag irgendwie an Schuh­ma­cher erin­nerte, dabei aber groß­zügig das Körper­hafte gegen das völlig abstrakte Bild älterer Tage austauschte. Das war herr­lich fett gemalt, dabei tief­gründig und ange­nehm rotzig. Sehr befreiend, auch was die Erfah­rung von Verän­de­rungs­mög­lich­keit angeht. Auch ich versuchte mir das zu Eigen zu machen.   Da war ich so zwischen 17 und 20. Nicht früh, nicht spät.
Solch eine Fest­le­gungs­bio­grafie ist also streng­ge­nommen eine Einschrän­kung, welche, bleiben wir im Bild, die Voliere enger macht. Aber, wie ich jetzt ausho­lend genug hoffe darge­legt zu haben, die ganze Frei­heit ist ja auch zu groß, damit kann man nix anfangen, einfach nicht arbeiten. Und daher ist wohl ein Nach­weis selbst­be­stimmter Künst­ler­hand­lung darin zu finden, sich in den soeben behan­delten Fragen posi­tio­niert zu haben.
Und so kann es losgehen mit der Künst­lerwer­dung, mit der Verein­nah­mung und natür­lich auch der Entwick­lung der formalen, mehr oder weniger gewählten Grund­be­din­gungen. Da jetzt jetzt der Käfig erstmal passt, kann man sich einrichten, gewinnt den nötigen Tunnel­blick und die Konzen­tra­tion.
Also endlich wieder zum Bilde selbst und der herr­li­chen Situa­tion, wo das Bild noch lange nicht oder schon längst entschieden ist.
Ja, einen langer Haken hast du geschlagen, bis du dich jetzt doch endlich wieder dem Zwischen­ziel, nämlich meiner Frage zurück­nä­herst. Ich hätte das jetzt von dir Darge­legte gerne anders in unser Gespräch plat­ziert. Meiner Ansicht nach ist die Verqui­ckung der biogra­phi­schen Selbst­fin­dungs­ak­tionen in der Früh­phase des Künst­lerseins bzw. -werdens, mit deinem Selbst­be­stimmt­heits­ein­druck vor dem Bild selbst, etwas unglück­lich. Es mag der Ober­be­griff der „Frei­heit“ gewesen sein, welcher dich jetzt mäan­dern ließ. Nun gut, haben wir das dann somit auch. Jetzt ist nichts mehr zu ändern und Lesen und Verstehen haben Andere zu leisten.
Ja, du hast ja recht, gute Freundin. Dein analy­ti­sches und struk­tu­rier­fä­higes Wesen hat sicher früher als ich gemerkt, daß da was aus dem Ruder läuft. Trotzdem war es mir wichtig zu erläu­tern, daß der Begriff Selbst­be­stimmt­heit, den ich ja zuvor leicht­fertig im Sinne des Malpro­zesses verwandt habe, also daß der auch im über­ge­ord­neten Aspekt des Künst­lerseins oder seiner Werdung, wichtig ist. So hätten wir wenigs­tens den chro­no­lo­gi­schen Ablauf gewahrt, denn erst gibt’s den Künstler, dann die Kunst. Obwohl…
Was war jetzt mit deiner herr­li­chen Situa­tion ?
Also, die Ausgangs­si­tua­tion ist nunmehr fertig, der Bild­träger jung­fräu­lich und es kann losgehen. Das gute Bild ist ferner denn je, Zwischen­ziel ist nur, daß irgendwas passiert, auf dem man aufbauen kann. Es gibt die freu­dige Erwar­tung und das Wissen, daß man jetzt gar nichts falsch machen kann. Farbe, Pinsel, Auftragsart, gewählt nach reinem Belieben. Alles ist will­kommen. Musik erhöht die Voll­kom­men­heit des Augen­blicks. Noch bin ich ganz eins mit mir und meinem fehlenden Anspruch. Und es passieren die Dinge. Dämlich­keiten werden belä­chelt und ausge­halten, Schlau­heit befeiert, schnell aber wieder wegen Dumm­heit gefeuert. So geht das ein paar Stunden, die Laune ist gut noch, doch langsam beginnt der Ernst des Ersatz­le­bens. In der Regel sind jetzt schon ein paar Ansätze vorhanden, die man als Basis weiterer Vorge­hens­weise auspro­bieren kann. Aber, und ich rede jetzt natür­lich über eine rein exem­pla­ri­sche Situa­tion, so langsam wird die Sache zäh. Und die große Pracht­allee, gesäumt von den vielen viel­ver­spre­chenden und nicht genutzten Möglich­keiten, wandelt sich langsam in einen schmalen Weg. Wobei die Konzen­tra­tion steigt, die Musik nervt und ich mich doch wieder mit meinen Unzu­läng­lich­keiten beschäf­tigen muss. Jetzt brauche ich drin­gend einen Halt ; in Form einer Form. Ich brauche etwas aus dem Leben. Und die Ange­le­gen­heiten, welche sich bereits auf dem Bild versam­melt haben, müssen mich daran erin­nern ; oder ich muss es durch weitere, nun eben längst nicht mehr so unbe­schwer­liche Akti­vi­täten provo­zieren. So was kann schnell gehen, kann aber auch ein paar Sitzungen dauern.
Das erin­nert mich jetzt sehr an Alex­ander Cozen mit seiner Beschrei­bung von der Herstel­lung dieser Blots, erin­nerst du dich ?
Nö, irgendwie nich.
Der Blot­mann, dieser russi­sche Engländer, der nach Italien gegangen ist und so schön die Kontex­tua­li­sie­rung von Flecken­zeich­nungen beschrieben hat, etwa um 1800 rum.
So Cons­table und so, Hugo (Victor) auch.. Mir schwant was.
Leider kann ich das jetzt im Gespräch nicht zitieren und werde das aber als Anmer­kung einfügen.
(dies hiermit und im Nach­hinein getan : „Einen Blot zu machen, bedeutet….Flecken und Formen mit Tinte auf Papier zu bringen, womit zufäl­lige Formen…produziert werden, von denen dem Verstand Ideen präsen­tiert werden“. 1785)
Dann kann ich jetzt leider auch nicht wirk­lich darauf eingehen, wobei ich mir sicher bin, daß dein Zitat passend wäre. Versuche ich also fort­zu­fahren….
Mitt­ler­weile am Liebsten sind mir unver­fäng­liche Gegen­stände, die schnell erkennbar, arm an Bedeu­tung und frei von Symbolik sind. Die Sachen sollen nur formale Stützen für das Bild sein ; wobei häufig auf meinen prokla­mierten Willen keine Rück­sicht genommen wird und kleine Geschichten durch Anhäu­fung von Dingen und Körpern entstehen. Das ist wohl dem Menschen eigen, also der Auto­ma­tismus Zusam­men­hänge zu konstru­ieren, sobald sich zwei erahn­bare Dinge auf dem Bilde tummeln.
Oft ist es auch so, daß sich beispiels­weise eine Figur im Bild plat­ziert und diese alsbald ihre natur­ge­mäßen, oder sagen wir mal schlüs­sigen Kumpels mitbringt. Beim Soldat 2 waren es die Acces­soires, der Pisto­len­halfter, das Messer, der Hori­zont mit Einschlägen. Und beim müden Auto war es halt der Repa­rier­ver­su­cher, der Maul­schlüssel.
Maul­schlüssel, wo ?
Da !
Das erklärt mir den manchmal hervor­tre­tenden Surrea­lismus in deinen Bildern. Et kütt wie et kütt, Haupt­sache es sieht gut aus.
Und macht keinen Ärger !
Und der Rest wird vom Betrachter schon in die erzäh­le­ri­sche Reihen­folge gebracht. Ein älteres Bild fällt mir dazu, gewis­ser­maßen exem­pla­risch ein, ein Haus­stück, Grundton Rosa mit einer Person mit nur einem Bein oder so. Da kommt aber noch eine Ebene hinzu. Auf diesem Bild befinden sich Häuser, die belebt, oder besser gesagt, lebendig wirken, haben Augen, Münder, schauen.. Nun besitzen Häuser ja häufiger eine Gesichts­cha­rak­te­ristik, du aber scheinst grund­sätz­lich gerne mit diesem Métier zu spielen, welches man ja auch aus Comics, nehmen wir nur den groß­ar­tigen George Herriman zur Erin­ne­rung, kennt.
Au ja, der Verle­ben­di­sie­rungs­faktor..
Danke für diesen Neolo­gismus !
Geschenkt ! Aber schau, der Flug­körper 2 (Bild an Wand). Das ganze Teil ist eine Mischung aus Vogel und Flug­zeug. Es hat Auge und Propeller, hat eine Pilo­ten­kanzel, benö­tigt aber keinen Piloten. Der Ausdruck ist von freu­diger, viel­leicht etwas aggres­siver Anspan­nung und großem, unauf­haltbar schei­nendem Flug­willen. Ich liebe dieses Bild und es erstaunt mich immer wieder.
Oder bemühen wir noch mal das Müde Auto. Es kann kaum seine Lampen­augen noch aufhalten, während man sich um es bemüht. Kenn ich auch, sowas.
Aber die surreale Heran­ge­hens­weise ist nun mal zuge­ge­be­ner­maßen auch ein einfa­cher und sich immer wieder anbie­tender Effekt, da ich mich, bedingt durch seine Wesen­haf­tig­keit, nie für irgend­eine Erzähl­form recht­fer­tigen muss und er mich daher, hinsicht­lich der male­ri­schen Natur meiner Arbeit nicht einschränkt, sondern mir, so ganz nebenbei, noch eine kleine Freude und Kurz­weil zu bereiten in der Lage ist. Ich glaube, viel schwerer wäre es, wenn ich echt deutungs­si­cher einen Sach­ver­halt male­risch schil­dern müsste…und viel lang­wei­liger.
Aber mir scheint doch, daß der Anteil der nach­voll­zieh­baren Erkenn­bar­keit der Gegen­stände, Körper und der sich daraus entwi­ckelten Geschichten für dich größer und auch wich­tiger ist, als du gemeinhin gerne im kurzen Normal­ge­spräch zugibst. Du beschreibst dich ja gerne zwar als Nutzer dieser Ange­le­gen­heiten, vergisst aber nie deut­lichst darauf hinzu­weisen, daß im Grunde die reine Malerei dein Haupt­an­liegen ist. So ganz glaube ich dir jetzt nicht mehr.
Zurecht ! Es ist eben wie immer, so und genau so anders. Das ist auch ein guter Vorteil der Kunst, der brot­losen. Man kann so konse­quenzlos inkon­se­quent sein. Aber trotz der Ironie, die du zum Ausdruck bringst, danke ich dir für die Aufde­ckung dieser Tatsache.
Aller­dings inter­es­siert es mich tatsäch­lich ansich nicht, ob meine Geschichten dem Betrachter schlüssig sind. Es ist mein Salz in meiner Suppe. Und natür­lich hat immer das Anliegen vorrangig erkennbar zu sein, daß ich nämlich Tatsa­chen schaffe und keine Illu­sionen !
Also grund­sätz­lich gilt, was ich mal so formu­lierte :
Form und Inhalt treffen sich.
Form sagt zu Inhalt : „Ich liebe dich!“
Inhalt sagt zu Form : „Ich brauche dich!“
Bei konträrem Anliegen geht das natür­lich auch umge­kehrt.
Dann defi­nierst du das Lieben als zweit­rangig dem Brau­chen gegen­über ?
Wenn´s hart auf hart kommt, schon. Brau­chen ist absolut exis­ten­tiell und essen­tiell. Ein Wein ohne Glas ist Pfütze. Trotzdem komme ich, wie schon gesagt, nicht ganz ohne das Abbild­hafte aus. Dieses Spiel aus Wieder­erkennen und Loslö­sung ist wohl mein Ding. Zumin­dest was meine Bilderher­stel­lung angeht.
Wenn wir im Museum, also Leipzig, Kopen­hagen, oder natür­lich im Von der Heydt waren, ist mir diese Präfe­renz nicht aufge­fallen. Manchmal konn­test du es sehr genießen, wenn die Dinge eine realis­ti­sche Neigung hatten.
Du ja auch. Viel­leicht haben wir uns da gegen­seitig hinein­ge­stei­gert.
Nein, ich bin halt manchmal über die Technik baff erstaunt. Das hat dann nicht unbe­dingt etwas damit zu tun, ob mir im Endef­fekt das Bild gefällt. Umge­kehrt, also was das Gegen­teil von Realismus angeht, hat mich eine Ausstel­lung von Kurt Kocher­scheidt in Bottrop umge­hauen, der trotz aller male­ri­scher Gestik und Leben­dig­keit im Farb­auf­trag, sich jegli­cher Bezugs­her­kunft entzogen hat. Herr­liche Bilder. Immer wieder meinte ich, wie bei einem Rätsel ein biss­chen, das dem Leben Entnom­mene aus der Abstrak­tion heraus­lesen zu können, aber da war nix zu machen. Und ich bin ansich recht gut darin. Im Grunde genommen aber ist mir die Malart nicht so wichtig. Viel­mehr muss es eine Seele haben.
Vorsicht Glatteis ! Was ist das ?
Ich wusste es. Aber ich versuch jetzt nicht allzu sehr zu schlit­tern. Folgendes Beispiel : manchmal kann man sich den Muse­ums­be­such nicht aussu­chen. Man ist vor Ort, ob gut drauf oder eben nicht. Dann geht man natür­lich trotzdem rein. Die Aufnah­me­fä­hig­keit ist deut­lich nicht vorhanden, es fehlt an Lust und Wach­heit. Dann sind die Bild­be­trach­tungen eher ratio­naler Natur. Das ist schon in Ordnung, hat aber eher etwas ange­nehm bildungs­bür­ger­li­ches. Nach dem Motto, gut, hab ich das jetzt auch mal gesehen, nächstes Meis­ter­werk… Ich bin also beschäf­tigt mit meinen nach­sich­tigen Betrach­tungen, da ich ich mir ja meiner eigenen defi­zi­tären Grund­be­din­gung sehr wohl bewusst bin, und dann plötz­lich, wenn ich viel Glück habe, und ich so ich um die Ecke komm, dann hängt da was, etwas was jede Ratio­nal­ab­wä­gung außer Funk­tion setzt und mich zur Maul­halte bringt ; wenn da so was hängt, dann haut mich das um. Das ist Glück, und Glück ist selten. Verstehen tu ich das eben nicht, daß ein wenig getrock­netes Öl, vermischt mit Stein­pulver auf Leinen sowas auszu­lösen in der Lage ist. Diese Erfah­rung ist so unmit­telbar und irra­tional, daß alle vorhe­rigen Heran­ge­hens­weisen wie leblose Für und Wider – Abhand­lungen wirken. Und sollte ich mal vergessen haben, warum ich das Ganze mache und mag, dann weiß ich es in diesen Augen­bli­cken auf der Stelle wieder.
Und daher nenne ich solche Produkte eben Dinge mit Seele. Und ob das nun eine Brown, ein Tinto­retto oder Soutter ist, das ist mir so was von..
Jetzt mache ich mal einen Quer­schläger ! Wenn du schon diese Namen, hinter denen so unter­schied­liche Malweisen und Zeiten stehen, nennst ; du auch vorhin sagtest, die Malart sei dir nicht wichtig, würdest du gerne auch gerne mal anders malen ? Aus deinem passenden Schuh schlüpfen ?
Ich habe eine Vorstel­lung davon, wie es ist eine Art Studie zu malen oder zu zeichnen, ja.
Wo weniger die Kompo­si­tion im Vorder­grund steht, weniger das Heraus­kit­zeln origi­närer Möglich­keiten. Viel­mehr habe ich eine roman­ti­sche Vorstel­lung, genauest mögliche Beob­ach­tung auf Papier oder Kapa­plast zu bringen. Eine schöne kontem­pla­tive Arbeit, wie seit ein paar hundert Jahren und zuweilen immer noch üblich. Auch hier stelle ich mir vor, mich ange­nehm zu verlieren, ohne alle Eitel­keit. Wie beim Akt- oder Natur­zeichnen. Man fängt an und arbeitet sich durch. Akribie, verbunden mit diszi­pli­nierter Ruhe. Und das, ohne immer gleich zu schauen und zu reflek­tieren. Aber ich bin wohl recht unge­duldig und mir wird lang­weilig, Nicht aber, daß solche Hervor­brin­gungen lang­weilig seien.
Und da fällt mir jetzt doch gerade ein, was ich an Malauf­gabe ein wenig vor mir hertreibe. Ich möchte mich doch mal an einem durchweg asso­tia­ti­ons­freiem, also an einem Erzähl – und gegen­stands­losen Bild versu­chen. Die Dinge nicht nutzen, auf die ich mich vorhin noch ange­wiesen erklärt habe. Da bin ich gespannt drauf, habe aber auch ein gewisses Muffen­sausen.
Die Anti­pode dazu muss ich natür­lich auch noch nennen. Was mich total anöden würde, wäre Schreib­tisch­kunst. Kunst also, die ausge­dacht wird und im Maßstab 1 zu 1 umge­setzt wird, ohne einen Verwil­de­rungs­pro­zess durch­lebt zu haben, wie ich ihn sicher­lich noch beschreiben werde und es schon getan habe. Das sind dann meist die Dinge, die treff­si­cher poli­ti­sche und/​​oder gesell­schaft­liche Misstände anklagen können. Meiner Über­zeu­gung nach ist Kunst in erster Linie selbst­be­züg­lich, gerne auch selbst­re­fe­ren­tiell genannt.
Dann aber bitte auto­re­fe­ren­tiell.
OK. Du hast natür­lich recht. Die größte Kraft entwi­ckelt Kunst, wenn sie kompro­misslos ihren eigenen Gesetzen der Ästhetik folgen kann. Sobald Kunst Propa­ganda und Trans­port­mittel wird, verliert sie an eben­dieser Wirk­kraft. Es gibt natür­lich und wie immer schöne Gegen­bei­spiele, doch eben selten. Im besten Fall ist diese Betrof­fen­heits­kunst von unfrei­wil­liger Lustig­keit, meist mich pein­lich bis agressiv berüh­rend. Aber darüber habe ich mich schon mal einge­hender aufge­regt (Lieber Herr Brindl Art),
Bist du das also noch los geworden.
Wenn ich schon mal so was ähnli­ches gefragt werde… Aber ansich bin ich schon zufrieden mit eben­diesem Schuh. Gut ausge­sucht, hoffent­lich nicht zu bequem und doch flexibel. Wir sind mitt­ler­weile mitein­ander verwachsen, da brauch ich nicht groß was Neues. Und wie ich so gerne
Lemmy Kilminster zitiere : „ Man kann halt nicht alles haben. Wo willste auch hin damit!“
Gut, dein Verhältnis zu Abstrak­tion und Konkre­tion ist hinrei­chend behan­delt, wie ich meine.
Jetzt lass uns doch wieder zu deiner Arbeits­be­schrei­bung zurück­kommen. Du hattest erzählt, wie du ein Bild beginnst. Und ich darf dich erin­nern, daß du Anfang und Ende als Selbst­be­stimmt bezeichnet hast.
Ja dann eben zum Ende ; und später durch die Mitte ins Herz..
Also, alles ist soweit geschafft. Alles ist posi­tio­niert, formu­liert und betreut. Musik erschallt, meine Nach­barin meint, ich täte pfeifen dazu, und ich beginne kleine Fehler zu suchen. Diese werden mit höchster Raffi­nesse altmeis­ter­lich zunichte gemacht und ich freue mich, wieder etwas geschafft zu haben, was nun zu mir gehört, Teil meines Selbst­ver­ständ­nisses sein wird.
In diesem späten Stadium bin ich der Souverän, der glück­lich, und sicher auch selbst­herr­lich über Wohl und Weh bestimmt, Gnade vor Recht trotzdem nicht zulässt und seiner Genia­lität einen weiteren Beweis geführt hat. Für den holp­rigen Entste­hungsweg mit all meinen Unzu­läng­lich­keiten habe ich nur Hohn und Spott. Né, so was Schönes habe ich noch nicht gemalt !
Schön. Das waren dann quasi die ange­nehmen Seiten der Bild­her­stel­lung. Trotz aller Befürch­tung, daß jetzt Darstel­lungen von Verzweif­lung, Hunger, Durst und Selbst­ver­ach­tung folgen, möchte ich jetzt doch hören, wie du dich zwischen Anfang und Ende begreifst. Geh in die Mitte !
Ist ja fast wie eine Séance. Ich verstehe, spiris­tisch und spiri­tuell sind ja manchmal nahe beiein­ander.
Sollten sich die Dinge über­la­gern, werde ich trennen.
Die Mitte. Selbst­zweifel ? Hunger und Durst ? Na logo !
Aber wenn´s gut läuft ist das alles aushaltbar. Außerdem gibt es Chine­si­sche Instant­suppen, die sind immer ein gutes und leichtes Atelier­essen. Hat mein Professor schon, wie so vieles, mir mit großer Präzi­sion imple­men­tiert.
Nun der Anfang ist getan, der erste Gegen­stand hat sich einge­funden, welcher aber wie eine blinde Neuge­burt noch so gar nichts mit seiner Umge­bung anzu­fangen weiß. Also fange ich an, die Situa­tion für selbige zu verbes­sern. Manchmal ist das eine Murkserei, mal ergibt es sich verdächtig schnell und fast selbst­ständig. Im ungüns­tigsten Fall erweist sich dann doch dieser Weg als Holzweg und ich muss mich quer­feldein retten. Das fällt natur­gemäß schwer, kostet echte Über­win­dung. Meis­tens aber bleibt mir das erspart. Weißt du eigent­lich warum der Holzweg Holzweg heißt ?
Schweig und sprich ! Strin­genz bitte !
In der Regel konzen­triert sich das Bild immer mehr, die Stand­haf­tig­keit der Posi­tio­nierten wird größer. Immer wieder provo­ziere ich, nehme Abstand und entscheide über Wohl oder Weh der letzten Aktionen. Und ich bin, mit dem was ich weiß, oder viel­mehr glaube zu wissen, mein einziger Berater. Es ist ein Art Zwie­ge­spräch. Natür­lich weiß ich, daß der Zustand auch medi­zi­nisch erklärbar wäre. Aber was hat Hugo Chávez den Vene­zo­la­nern zuge­schrien?: „ Ich bin nicht ich. Denn ich bin das Volk!“ Das ist doch abge­fahren.
Dieser Utopist hat das Volk mit solchen Worten mitge­rissen. Eine Zeit lang. Aber eine inter­es­sante Aussage. Und auch die Nähe, die du dazu herstellst. Es hört sich eigent­lich an, als versuch­test du über die Erfin­dung des Bera­ters eine Art Objek­ti­vität zu imagi­nieren.
Das möchte ich durch die Frage vertiefen, wie deine Entschei­dungen nun entstehen ? Was ist gut oder schlecht ? Sind das unver­brüch­liche Gesetze oder hängen deine Regu­la­rien nicht viel­mehr von deinem indi­vi­du­ellen, nicht zwangs­läufig allge­mein­gül­tigen Werte­kanon ab ? Kann es sein, daß du eine Suppe kochst, die nur dir schme­cken muss ? Auch wenn Andere sie viel­leicht mögen können ?
Hm. Das tut ein wenig weh. Allein­heit zieht einsame Entschei­dungen mit sich. Und natür­lich führt das dazu, daß die Betrachter diese nicht unbe­dingt nach­voll­ziehen können. Auch sollte es gefallen, ist es möglich, daß sie etwas Anderes mögen, als ich es Ihnen mit dem Bild aufzu­drängen versuche. Dann gebe ich die Deutungs­ho­heit eben ab. Und das, nennen wir es Zwie­ge­spräch, ist nicht instal­liert, sondern nun mal qua Vorhan­den­sein aktiv.
Viel­leicht handelt es sich ja in deinen Entschei­dungs­ak­tionen um einen Irrtum der bewussten Art, eine Stütze, die alles erst machbar werden lässt!?
OK. Da kann ich dir recht geben. Natür­lich lass ich zu, daß ich quasi mir vormache, der oberste Schön­heitsrat hat entschieden, daß der rote Fleck unten links eine Ehren­me­daille zweiten Ranges erhält ; und alle Ewig­keiten tragen darf. Klar, alles meine Suppe, in der ich koch. Aber sozu­sagen pars pro toto. Natür­lich gibt es mehr Zweifel als Einig­keit in einer allge­mein­gül­tigen Bewer­tung von Kunst. Allein, daß ich mich mit ähnlich Inter­es­sierten doch zum Teil prächtig und ins Mark tref­fend über Kunst unter­halten kann, lässt mich an deiner Annahme hoffend zwei­feln. Klar, am Besten ging das mit Andreas (Bruder, tot), wobei hier natür­lich ein Geschmäckle mitschwingt, daß da eine gewisse Prägung mitschwingt. Sicher muss es immense Unter­schiede in der Bewer­tung geben, sonst würde man ja nicht von 98 % Schrott umgeben sein. Und wenn dieser Eindruck auch noch von allen geteilt wird, die 2% aber einer flexible Vertei­lung unter­worfen sind, äh ja dann… dann hast du schon wieder recht. Trotzdem. Es gibt ja zum Beispiel die Klas­siker. Wer mag Velaz­quez nicht ? Wer kann Bruegel nicht leiden ? Wenn sie das Herz und den Verstand auf rechten Flecken haben, dann mögen sie, können sie auch sagen warum. Ein biss­chen zumin­dest. Annä­he­rung über den eigenen Geschmack – und über den lässt sich ja bekannt­lich herr­lich streiten. Aber natür­lich gibt es einen Haufen Menschen wo Hopfen und Malz verloren ist – oder wie ich immer so gerne sage, bei Blind­heit hilft auch keine Brille nicht.
Ist es nicht aber ledig­lich eine Art gesell­schaft­li­cher Über­ein­kunft, wobei wir natür­lich nur von einem recht geringem Bevöl­ke­rungs­an­teil von Kunst­in­ter­es­sierten spre­chen, gerade die Klas­siker toll zu finden. Was für ein Hype auch bei den Impres­sio­nisten. Da kann doch jeder mit, habe ich den Eindruck. Was da an eins­tigem Revo­luz­zertum und Bahn­bruch es in die bürger­lich konser­va­tive Mitte geschafft hat. Der Konsens ist hier sicher­lich höher als bei der aktu­ellen Kunst…
Sicher­lich ist die Kunst vergan­gener Epochen aura­ti­sierter und unter dem Deck­mantel des Alters erstmal bekömm­li­cher wirkend. Aber natür­lich nur an der Ober­fläche. Gute Kunst trägt sich über die Zeiten ; und daß man heute über Werke streiten kann, die vor Hundert oder Drei­tau­send Jahren gemacht wurden, lässt den Schluss zu, daß zwar die Stile gewech­selt haben, doch der Werte­kanon, bzw. das Quali­täts­system stabil funk­tio­niert.
Wie heißt es so schön in einer Werbung ? Die Mode wech­selt, der Druck­knopf bleibt !
Und daß man mal viel­leicht zu viel von einer Sache hatte, woraufhin der Appetit erstmal darauf gestillt und manchmal für längere Zeit abge­klungen ist, das ist doch normal. Meine Güte, was habe ich mir früher den Picasso rein­ge­zogen, konnte gar nicht genug Bücher und Ausstel­lungen mir anschauen. Ein wunder­bares Vorbild künst­le­ri­scher Haltung und Arbeits­weise ; so wie auch Dieter Roth es ist. Da hängt er (Bild an Wand). Aber irgend­wann war´s dann auch gut mit PP. Das macht ihn nicht schlechter, aber ich bin dieser Bilder­fin­dung ein wenig über­drüssig, bringt mir gerade nichts. Zumin­dest theo­re­tisch. Stehe ich dann wieder davor, ist mal wieder alles anders. Und außerdem, mal unge­wöhn­lich und hoffent­lich erholsam prag­ma­tisch ; wer hört sich schon ständig die gleiche Platte, die gleiche Musik an. Das Beste wird irgend­wann lang­weilig und über­schaubar. Dann kommt das neue Beste.
Und natür­lich teile ich leider deinen Zweifel auch an mir, den du etwas zuvor formu­liert hast. Dafür habe ich mich selber schon häufig genug bei meinen eigenen Sachen geirrt. Denn nach getaner Arbeit gibt es häufig, oder eigent­lich immer, eine schöne Verliebt­heits­phase. Ich bin dann sehr partei­isch und ergriffen. Das dauert meist ein halbes Jahr. Dann tritt die Abküh­lungs­phase ein. Es gibt halt andere Anhäng­lich­keiten mitt­ler­weile. Manchmal aber entsteht auch Entfrem­dung und, selten zwar, Unver­ständnis oder gar Abscheu. Gut, war halt né Phase, is vorbei. Aber natür­lich ärgere ich mich, da natür­lich mein untrüg­li­cher Instinkt, mein Bewer­tungs­system damit ange­griffen ist ; wenn ich mich dann selber nicht mehr verstehe, warum ich was gemacht habe. Und damit gebe ich dir also schon wieder recht in deinem scharf­sin­nigen wie aber auch scharf­rich­ter­li­chen Zweifel an meiner Arbeits­weise. Aber was soll ich machen. Der Irrtum ist also die stän­dige Gefahr und damit muss ich wohl leben. Arno Schmidt hat mal gesagt, so oder ähnlich : Die Welt ist so groß, daß jeder darin Unrecht haben kann.
Du schaffst es doch immer wieder, die gedank­liche Strin­genz unserer Zusam­men­kunft zu unter­mi­nieren.
So sind Gespräche nun mal.
Das ist eher kein Gespräch sondern ein Frage/​​Antwort Spiel, nur daß ich irgendwie den Eindruck habe, daß deine Antworten nicht immer direkte Reak­tionen auf meine Fragen sind.
Das ist doch wie in der Kunst : man will das Eine und kriegt das Andere.
Geht aber auf Kosten der Nach­voll­zieh­bar­keit.
OK Dann hätten wir auf das direkte Gespräch verzichten müssen. So macht es aber doch mehr Spaß, wenn auch so verwir­rend wie das Leben selbst.
Kommen wir aber doch jetzt zurück auf die Bild­fin­dung, die zeit­lich in der Mitte liegt.
Ja natür­lich. In dieser Phase also, die stim­mungs­mäßig unkal­ku­lierbar ist, genau wie auch der Fort­schritt, entscheidet sich dann der Charakter des Bildes. Heiter oder wolkig, beschau­lich und zart oder eher wüst. Ich lass mich da treiben, empfinde mich manchmal als verant­wor­tungs­be­freit, mehr Medium. Ich weiß, ist natür­lich Quatsch. Im Fall, daß es gut läuft, können viele Entschei­dungen gut getroffen werden, die Konzen­tra­tion ist hoch und ich vergesse die Zeit. Dieses schöne Eintau­chen, das ist Glücks­er­fah­rung. Natür­lich kennt man aus vielerlei Beschrei­bungen diese Art von Rausch und der ist eine wich­tige Antriebs­feder. Jeden­falls passieren in diesem Zustand viele Dinge auf dem Bild, die sich vermeint­li­cher Bewusst­heit entziehen. Der nun hinläng­lich beschrie­bene Dialog wird leiser, die Entschei­dungen redu­zieren sich auf Richtig und Falsch, fast wie ein Impuls. Im Grunde genommen passieren jetzt die wich­tigen Dinge auf dem Bild, der Ursprung des Geheim­nisses und der Faszi­na­tion, die einem jeden Bild ange­hören müssen, um ein gutes Bild sein zu können. Während­dessen verän­dert sich auch das Zeit­emp­finden, die Uhr rast nur so. Und wenn ich dann aus dem Zustand wieder heraus­komme, kann ich mich im idealen Fall eines Bildes erfreuen, was mir ausrei­chend genug fremd ist. Nicht wie von anderer Person gemalt, doch besser als ich es glaubte zu können, mit deut­li­chen Fremd­spuren und unbe­kannten Erwei­te­rungen. Hernach kann ich mir dann Gedanken machen, was ich damit anfange, wie ich das einordne.
Wie unsere gemein­same Freundin Ulrike (Fahrney, Psycho­login) einmal sagte, Unbe­wusst ist Unbe­wusst und bleibt das auch. Kann also nicht bewusst werden.
Daran erin­nere ich mich gerne. Auch, daß sie sagte, daß trotz aller Weit­sich­tig­keit von Freud, dies sein Fehl­ver­ständnis war. Wir setzen der Unbe­wusst­heit unsere, dem Bewusst­sein entsprun­gene Erklär­mo­delle entgegen. So unge­fähr habe ich das in Erin­ne­rung. Inso­fern ich nur Maler und kein Patient bin, ist mir das auch ausrei­chend recht ; und über­haupt gefällt mir diese Erklä­rung irgendwie.
Gut, jetzt hast du einen Präze­denz­fall beschrieben, der ideal verlaufen ist. Du hast einen schönen Zustand darge­stellt, den viel­leicht jeder kennt, der aber nicht so leicht zu provo­zieren ist.
Ich nehme mal an, daß hier die Chemie die ange­nehme und berau­schende Stim­mung im Kopf verur­sacht, wozu gibt es sonst den Sport ?
Einleuch­tend.
Und was machst du, wenn das ausbleibt, du kleben bleibst an einem Bild, welches Arbeit einfor­dert und keine Freude macht ? Gibt es über­haupt auch ein Aufgeben, ein Versa­gens­ein­ge­ständnis ?
Nun ja, dann muss ich eben arbeiten. Dann liegt die Karre im Dreck und ich muss ziehen. Das kann zäh sein, führt zu schlechter Laune und natür­lich zu einem Hader mit mir und meinen Fähig­keiten, die dann offen­sicht­lich fehlen. So werde ich auf meine Unzu­läng­lich­keiten hinge­wiesen, auf meinen Kleinmut. Ich muss meine Ängst­lich­keit erkennen, ohne eine Gegen­maß­nahme zu entwi­ckeln – lange nicht. Ich über­lege und suche nach Vorbil­dern, im wahrsten Sinne des Wortes, die mir als Mutma­cher dienen. Bis es mir irgend­wann total reicht und ich, jetzt bemühe ich erneut die Meta­pher des Weges, ich eben jenen verlasse und quer­feldein laufe ; bis dann irgend­wann ein neuer, besser begeh­barer auftaucht. Und bisher habe ich immer noch einen gefunden. Soviel also zum Aufgeben. Aber das ist alles schon frus­trie­rend.
Und dann gibt’s ja auch noch Tricks. Die dienen mal wieder dazu, sich selber ein wenig weniger wichtig zu nehmen. Denn meis­tens verant­wort­lich für eine solch unan­ge­nehme Situa­tion sind die Beden­ken­träger, die Zauderer und Über­leger in einem.
Du hast die Phari­säer und Schrift­ge­lehrten vergessen !
Ja, da muss ich mich wohl auch noch bei dir bedanken. Jetzt wird man hier noch veral­bert.
Welche Tricks ?
Äh,Tricks also, die da wären „Aufgabe des Über­blicks“, „Über­for­de­rung durch Schwierigkeiten“oder das Wecken des Wage­muts mittels unlau­terer Mittel, wie das einer Kaffee­ver­gif­tung. Natür­lich gehen auch Alkohol oder andere Substanzen, doch ist hier der Grad zwischen guter Arbeits­ent­schei­dung und Enthu­si­asmus sehr schmal, daher habe ich das seit gefühlten Tausend Jahren nicht mehr gemacht. Die Blick­ver­klei­ne­rung ist da eine gesün­dere Stra­tegie. Die Einzel­an­teile des Bildes verlangen ja gerne nach kongru­entem Verhalten ; da macht man in der hinter­letzten Ecke einen unbe­hol­fenen Strich, schon schreit es im Südwesten nach einer ange­mes­senen Antwort. Das kann den Maler nerven und er bittet um Ruhe. Natür­lich nutzt da Bitten nix. Und da hilft es den Über­blick zu verlieren. Links unten fängt man an meinet­wegen, arbeitet sich mit einge­schränktem Blick­feld, immer nur die unmit­tel­bare Bear­bei­tungs­um­ge­bung kontrol­lie­rend, langsam, wie der schon bemühte Maul­wurf, durchs Bild. Und manchmal wird´s dann ein schönes und frisches Bild. Oder zumin­dest hat man wieder einen Anknüp­fungs­punkt.
Eine weitere Möglich­keit ist die Problem­ver­stär­kung. Also die Schwie­rig­keiten auf ein uner­träg­li­ches Maß zu stei­gern, sodaß aber auch ein jeder einsieht, daß es so nicht weiter­geht.
Und Schwie­rig­keiten gehen ganz schnell. Nämlich Mist bauen auf dem Bild­träger
und anschlie­ßend alles wieder gut machen.
Was noch ? Kaffee­miss­brauch. Nun bin ich ansich Teetrinker. Aber schnell viel zu viel Kaffee zu trinken, zwingt die Zaghaf­tig­keit in die Knie und führt zu einem krea­tiven Annehmen, sowohl bezüg­lich der unwie­der­bring­li­chen Vernich­tung, als auch der gleich­zei­tigen Hervor­brin­gung. Dieser Wagemut, welcher die Konse­quenzen zwar erkennt, doch als nichtig bewertet, konnte bei mir manchmal Bilder sehr gut retten, in eine neue Rich­tung führen. Aber auch das habe ich seit bestimmt 20 Jahren nicht mehr gemacht. Viel­mehr geht es mir bei meiner Art Intim­be­schau darum, ein gewisses grund­sätz­li­ches Hand­lungs­in­stru­men­ta­rium zu beschreiben, wie ich in schwie­riger Situa­tion mit eben­dieser umgehe. Oder umge­gangen bin.
Dann mögen deine Selbst­ver­mei­dungs­stra­te­gien das vorge­stellte und arbeits­reiche Bild doch noch ganz ordent­lich haben werden lassen, doch wann ist es denn fertig ?
Merk­würdig, daß du diese Frage jetzt stellst. Übri­gens ist das eine häufig gestellte Frage, die mich immer verwun­dert, als würde ich auch in Gefahr laufen, das Bild zu weit zu malen.
Aus all dem Beschrie­benen eröffnet sich ja, daß alles auto­ma­tisch auf das Ende des Bildes hinaus­läuft, genauso selbst­ver­ständ­lich es einen Anfang hatte. Es verdichtet sich immer mehr und irgend­wann gibt es eben nichts mehr hinzu­fügen.
Und kann dann auf den Kunst­markt!?
Moment, erst muss das noch trocken werden. Aber im Ernst, schön wär´s.
Im vorderen Raum hängt ja das „Schiff PVC 1“. Dieses Bild habe ich bereits vor etwa einem Jahr gesehen, also als ich das letzte Mal in Wuppertal war. Damals hast du dich ganz eupho­risch über das Bild geäu­ßert und keinen Zweifel daran gelassen, daß es fertig ist. Jetzt war ich sehr erstaunt, daß es von dir noch­mals völlig umge­baut wurde. Hast du dann doch kein Ende gefunden ? Zwar gefällt es mir, das neue Schiff, doch deswegen die Atmo­sphäre des alten derart
zu verän­dern, erstaunt mich. Ein ganz neues Bild in dieser Serie wäre doch auch gut gewesen, zumal du ja einige dieser Art zwischen diesen Zuständen gemalt hast.
Was war das jetzt für né Frage nochmal ?
Ich sprach gerade den Zweifel aus, daß da in diesem Fall eben doch nicht die Zwangs­läu­fig­keit, die du im Zusam­men­hang mit dem Ende der Bild­fer­ti­gung beschrie­benen hast, vorhanden war.
War sie aber wohl ! Aber eben auf andere Weise. Und das hat eben eher was mit dem Thema zu tun, daß ich kein Bild aufgebe und ich es immer wieder versuche, das Bild aus dem Desaster zu hieven. Aber das Bild, die ganze Serie war schon eine Kata­strophe der mir bis dato unbe­kannten Art.
Also zier dich nicht, das Glas ist noch nicht ausge­trunken und diee Zeit habe ich auch noch…
Na juut. Die ganze Serie PVC ist mit dem Anliegen ange­gangen worden, daß die Bilder die leich­testen der Welt werden sollten, trotz eben ihrer nicht uner­heb­li­chen Größe (150 x 200 cm). Jetzt sind es aber leider die welt­schwersten Bilder der Welt geworden.
Hä ?
Ja, der Reihe nach. Ich hatte die PVC Ausle­ge­ware irgend­wann mir von der Messe mitge­nommen und ursprüng­lich in meiner Spie­ßer­phase als Tropf­schutz unter meine Staf­felei gelegt. Als ich dann also tropfte, fiel mir auf, daß eben­diese Tropfen aus Öl auf das Herr­lichste mich beein­druckten, so satt wie die da so auf dem schwarzen Grund lagen. Ich beschloss daher, den Tropf­grund als Bild­grund zu tauschen. Schön an die Wand getackert wurde das eine Malerei, die mich überaus beschwingte.
Es lief so wunderbar alles, wie von selbst. Kaum Probleme, alles wunderbar. Und die Vorstel­lung war, daß die Dinger so leicht waren, ich die rollen konnte und wenig Platz beanspruchten.Jedenfalls war die Serie erfolg­reich abge­schlossen, mein Stolz und mein Übermut hielten sich auf hohem Niveau, und da schien mir plötz­lich die Präsen­ta­tion der Teile unan­ge­messen spartanisch.Also so an die Wand getackert. Ich wollte es plötz­lich museal. Auch waren die Lappen weit wider­spens­tiger im losen Zustand als mir lieb war. Also beschloss ich Rahmen zu bauen. Kein Problem soweit, die schön shabby geschwärzt. Nur so locker einta­ckern ging natür­lich nicht, darum musste ein Bild­hin­ter­grund her. Ich entschied mich für 3mm Sperr­holz und für nicht rever­si­blem Teppich­kleber. Super profes­sio­nell alle gehand­habt, bis die Bilder herr­lich gerahmt rumhingen. Ich war zufrieden, die Tage gingen dahin. Bis mir die ein oder andere Beule auffiel. Erst wollte ich cool darüber hinweg­sehen, ging aber nicht. Nun bin ich ja auch Akri­biker. Also habe ich Latten zur Hinter­stüt­zung von hinten in den Rahmen geschraubt. Dann war das an der Stelle OK, doch andere Beulen kamen, eben woan­ders. Langum, die dünnen Platten wollten eben arbeiten, ich musste. Handeln. Stell dir vor, das sind ja Herzens­an­ge­le­gen­heiten. Ich war in Not. Malerei gut gelungen und dann wird das Ergebnis so durch Blöd­sinn unter­graben.
Irgend­wann habe ich versucht, das PVC wieder von den Platten zu befreien. Irrever­si­bler Kleber..  Erst vorsichtig, dann immer heftiger. Schließ­lich habe ich mich drauf­ge­stellt und habe gezogen. Bei zweien ist mir das gut gelungen, bei den Bildern Schiff PVC1 und Bedroh­liche Aufstel­lung, also das mit der Schnecke und dem japa­ni­schen Klein­ritter auf Pferd, aber nicht.
Für alle habe ich 1cm MDF Platten als neuen Hinter­grund spen­diert und die, welche meine Bear­bei­tung gut über­lebt haben, konnte ich damit auch gut retten.
Die beschä­digten zwei habe ich erst mal zur Ruhe kommen lassen. Rück­seitig befanden sich überall noch Sperr­holz­reste, einge­rissen waren sie auch. Und das bei Bildern, die ein so hohen Schwarz­an­teil haben, oder sagen wir, einen so hohen Anteil an unbe­malter PVC Fläche haben…
Kata­strophe. Schließ­lich habe ich die Teile dann doch noch auf die dicken Platten geklebt. Die „Bedroh­liche Aufstel­lung“ hat zusätz­lich noch einen, so glaubte ich glät­tenden Unter­grund“ aus einem anderem (anders farbig) PVC gekriegt. Und gerade dieses hatte ja noch sehr groß­teilig das Sperr­holz unter sich. Die störenden Verän­de­rungen also, vor allem auf den unbe­malten Flächen, waren einfach uner­träg­lich. Ja Karin, der ganze Ärger für so einen Blöd­sinn. Die Zeit, das Geld…
Nun hingen sie also wieder da. Was konnte ich noch tun ? Der rettende Aktio­nismus war ausge­schöpft, jetzt musste ich dann doch wieder künst­le­risch an die Sache ran.Ich begann also die mich störenden Stellen wegzu­schneiden. Klein­teilig konnte ich die dann ablösen. Und ich sah die darunter erschei­nenden und so mühselig aufge­tra­genen Hinter­gründe, zumin­dest bei dem Bedroh­liche Aufstel­lung. MDF, Sperr­holz, das farbige PVC. Und diese flach­re­li­ef­ar­tige Behand­lung, das Hervor­holen dieser unter­schied­li­chen Mate­ria­lien, machten plötz­lich großen Spaß. Ich konnte endlich wieder in die Offen­sive gehen. Die Bilder haben sicher eine Charak­ter­wand­lung erlebt und auch sehr zuge­nommen, aber viel­leicht mag ich sie daher umso mehr. Alleine bewegen kann ich sie aller­dings nur mit einem Trans­por­t­roller. Hab ich mir auch noch gebaut.
Und so, liebe Freundin, war deine Vermu­tung zwar gerecht­fer­tigt, daß ich das mit dem Bildende doch nicht so weiß, aber daß das Bild so aussieht wie es jetzt aussieht, verdanke ich meiner Mate­ri­al­un­kunde. Wo ich mir auch noch immer so viel darauf einge­bildet habe, mich gut mit diesen Dingen auszu­kennen.
Also ein Glück, daß ich in dieser Helden­zeit nicht hier war. Aber da habe ich dir ja eine wunder­bare Steil­vor­lage zu deinem Epos gegeben und wir können das ganze heutige Gespräch in den privaten Rahmen münden lassen. Oder ? Was kann jetzt noch kommen ?
Höre ich jetzt schon wieder Ironie oder bin ich nur sensibel ?
Nicht doch, aber schließ­lich habe ich jetzt einge­henden Einblick über deine Arbeits­weise erhalten, das Wie ist ermit­telt, das Was auch ausrei­chend und entspre­chend der gerin­geren Bedeu­tung, die du dem zubil­ligst, gestreift.
Gibt´s noch was zu sagen?:
Erstmal nix als Danke. Und : Maler male, rede nicht. Ist glaub ich von Goethen.
Haste dich aber nicht dran gehalten.
Goethe, die alte Flöte….
Ruhe getz !
……..!